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Egmonts Wohnung

Sekretär an einem Tisch mit Papieren, er steht unruhig auf.

Sekretär. Er kommt immer nicht! und ich warte schon zwei Stunden, die Feder in derHand,. die Papiere vor mir; und eben heute möcht' ich gern so zeitig fort. Es brennt mir unterden Sohlen. Ich kann vor Ungeduld kaum bleiben. »Sei auf die Stunde da«, befahl er mirnoch, ehe er wegging; nun kommt er nicht. Es ist so viel zu tun, ich werde vor Mitternacht nichtfertig. Freilich sieht er einem auch einmal durch die Finger. Doch hielt' ich's besser, wenn erstrenge wäre und ließe einen auch wieder zur bestimmten Zeit. Man könnte sicheinrichten. Von der Regentin ist er nun schon zwei Stunden weg; wer weiß, wen er unterwegsangefaßt hat.

(Egmont tritt auf.)

Egmont. Wie sieht's aus?

Sekretär. Ich bin bereit, und drei Boten warten.

Egmont. Ich bin dir wohl zu lang geblieben; du machst ein verdrießlich Gesicht.

Sekretär. Euerm Befehl zu gehorchen, wart ich schon lange. Hier sind die Papiere!

Egmont. Donna Elvira wird böse auf mich werden, wenn sie hört, daß ich dichabgehalten habe.

Sekretär. Ihr scherzt.

Egmont. Nein, nein. Schäme dich nicht. Du zeigst einen guten Geschmack. Sie isthübsch; und es ist mir ganz recht, daß du auf dem Schlosse eine Freundin hast. Was sagendie Briefe?

Sekretär. Mancherlei und wenig Erfreuliches.

Egmont. Da ist gut, daß wir die Freude zu Hause haben und sie nicht von auswärtszu erwarten brauchen. Ist viel gekommen?

Sekretär. Genug, und drei Boten warten.

Egmont. Sag an! das Nötigste!

Sekretär. Es ist alles nötig.

Egmont. Eins nach dem andern, nur geschwind!

Sekretär. Hauptmann Breda schickt die Relation, was weiter in Gent und der umliegendenGegend vorgefallen. Der Tumult hat sich meistens gelegt. -

Egmont. Er schreibt wohl noch von einzelnen Ungezogenheiten und Tollkühnheiten?

Sekretär. Ja! Es kommt noch manches vor.

Egmont. Verschone mich damit.

Sekretär. Noch sechs sind eingezogen worden, die bei Wervicq das Marienbild umgerissenhaben. Er fragt an, ob er sie auch wie die andern soll hängen lassen?

Egmont. Ich bin des Hängens müde. Man soll sie durchpeitschen, und sie mögengehen.

Sekretär. Es sind zwei Weiber dabei; soll er die auch durchpeitschen?

Egmont. Die mag er verwarnen und laufenlassen.

Sekretär. Brink von Bredas Kompanie will heiraten. Der Hauptmann hofft, Ihr werdet'sihm abschlagen. Es sind so viele Weiber bei dem Haufen, schreibt er, daß, wenn wir ausziehen,es keinem Soldatenmarsch, sondern einem Zigeunergeschleppe ähnlich sehen wird.

Egmont. Dem mag's noch hingehen! Es ist ein schöner junger Kerl; er bat mich noch gardringend, eh' ich wegging. Aber nun soll's keinem mehr gestattet sein, so leid mir's tut, den armenTeufeln, die ohnedies geplagt genug sind, ihren besten Spaß zu versagen.

Sekretär. Zwei von Euern Leuten, Seter und Hart, haben einem Mädel, einerWirtstochter, übel mitgespielt. Sie kriegten sie allein, und die Dirne konnte sich ihrer nichterwehren.

Egmont. Wenn es ein ehrlich Mädchen ist, und sie haben Gewalt gebraucht, so soll er siedrei Tage hintereinander mit Ruten streichen lassen, und wenn sie etwas besitzen, soll er so vieldavon einziehen, daß dem Mädchen eine Ausstattung gereicht werden kann.

Sekretär. Einer von den fremden Lehrern ist heimlich durch Comines gegangen undentdeckt worden. Er schwört, er sei im Begriff, nach Frankreich zu gehen. Nach dem Befehl soller enthauptet werden.

Egmont. Sie sollen ihn in der Stille an die Grenze bringen und ihm versichern, daß erdas zweitemal nicht so wegkommt.

Sekretär. Ein Brief von Euerm Einnehmer. Er schreibt: es komme wenig Geld ein, erkönne auf die Woche die verlangte Summe schwerlich schicken; der Tumult habe in alles diegrößte Konfusion gebracht.

Egmont. Das Geld muß herbei! er mag sehen, wie er es zusammenbringt.

Sekretär. Er sagt, er werde sein möglichstes tun und wolle endlich den Raymond,der Euch so lange schuldig ist, verklagen und in Verhaft nehmen lassen.

Egmont. Der hat ja versprochen zu bezahlen.

Sekretär. Das letztemal setzte er sich selbst vierzehn Tage.

Egmont. So gebe man ihm noch vierzehn Tage; und dann mag er gegen ihn verfahren.

Sekretär. Ihr tut wohl. Es ist nicht Unvermögen; es ist böser Wille. Er machtgewiß Ernst, wenn er sieht, Ihr spaßt nicht. - Ferner sagt der Einnehmer: er wolle denalten Soldaten, den Witwen und einigen andern, denen Ihr Gnadengehalte gebt, die Gebühr einenhalben Monat zurückhalten; man könne indessen Rat schaffen; sie möchten sicheinrichten.

Egmont. Was ist da einzurichten? Die Leute brauchen das Geld nötiger als ich. Das soller bleibenlassen.

Sekretär. Woher befehlt Ihr denn, daß er das Geld nehmen soll?

Egmont. Darauf mag er denken; es ist ihm im vorigen Briefe schon gesagt.

Sekretär. Deswegen tut er die Vorschläge.

Egmont. Die taugen nicht, er soll auf was anders sinnen. Er soll Vorschläge tun, dieannehmlich sind, und vor allem soll er das Geld schaffen.

Sekretär. Ich habe den Brief des Grafen Oliva wieder hiehergelegt. Verzeiht, daßich Euch daran erinnere. Der alte Herr verdient vor allen andern eine ausführliche Antwort.Ihr wolltet ihm selbst schreiben. Gewiß, er liebt Euch wie ein Vater.

Egmont. Ich komme nicht dazu. Und unter vielem Verhaßten ist mir das Schreiben dasVerhaßteste. Du machst meine Hand ja so gut nach, schreib in meinem Namen. Ich erwarteOranien. Ich komme nicht dazu; und wünschte selbst, daß ihm auf seine Bedenklichkeitenwas recht Beruhigendes geschrieben würde.

Sekretär. Sagt mir nur ungefähr Eure Meinung; ich will die Antwort schon aufsetzenund sie Euch vorlegen. Geschrieben soll sie werden, daß sie vor Gericht für Eure Handgelten kann.

Egmont. Gib mir den Brief. (Nachdem er hineingesehen.) Guter ehrlicher Alter! Warstdu in deiner Jugend auch wohl so bedächtig? Erstiegst du nie einen Wall? Bliebst du in derSchlacht, wo es die Klugheit anrät, hinten? - Der treue, sorgliche! Er will mein Leben undmein Glück und fühlt nicht, daß der schon tot ist, der um seiner Sicherheit willenlebt. - Schreib ihm, er möge unbesorgt sein; ich handle, wie ich soll, ich werde mich schonwahren: sein Ansehn bei Hofe soll er zu meinen Gunsten brauchen und meines vollkommnen Dankesgewiß sein.

Sekretär. Nichts weiter? O er erwartet mehr.

Egmont. Was soll ich mehr sagen? Willst du mehr Worte machen, so steht's bei dir. Es drehtsich immer um den einen Punkt: ich soll leben, wie ich nicht leben mag. Daß ichfröhlich bin, die Sachen leicht nehme, rasch lebe, das ist mein Glück; und ich vertausches nicht gegen die Sicherheit eines Totengewölbes. Ich habe nun zu der spanischen Lebensartnicht einen Blutstropfen in meinen Adern; nicht Lust, meine Schritte nach der neuenbedächtigen Hofkadenz zu mustern. Leb ich nur, um aufs Leben zu denken? Soll ich dengegenwärtigen Augenblick nicht genießen, damit ich des folgenden gewiß sei? Unddiesen wieder mit Sorgen und Grillen verzehren?

Sekretär. Ich bitt Euch, Herr; seid nicht so harsch und rauh gegen den guten Mann. Ihrseid ja sonst gegen alle freundlich. Sagt mir ein gefällig Wort, das den edeln Freundberuhige. Seht, wie sorgfältig er ist, wie leis er Euch berührt.

Egmont. Und doch berührt er immer diese Saite. Er weiß von alters her, wieverhaßt mir diese Ermahnungen sind; sie machen nur irre, sie helfen nichts. Und wenn ich einNachtwandler wäre und auf dem gefährlichen Gipfel eines Hauses spazierte, ist esfreundschaftlich, mich beim Namen zu rufen und mich zu warnen, zu wecken und zu töten?Laßt jeden seines Pfades gehn; er mag sich wahren.

Sekretär. Es ziemt Euch, nicht zu sorgen, aber wer Euch kennt und liebt -

Egmont (in den Brief sehend). Da bringt er wieder die alten Märchen auf, was wiran einem Abend in leichtem Übermut der Geselligkeit und des Weins getrieben und gesprochen;und was man daraus für Folgen und Beweise durchs ganze Königreich gezogen und geschleppthabe. - Nun gut! wir haben Schellenkappen, Narrenkutten auf unsrer Diener Ärmel stickenlassen, und haben diese tolle Zierde nachher in ein Bündel Pfeile verwandelt; ein nochgefährlicher Symbol für alle, die deuten wollen, wo nichts zu deuten ist. Wir haben dieund jene Torheit in einem lustigen Augenblick empfangen gleich und geboren; sind schuld, daßeine ganze edle Schar mit Bettelsäcken und mit einem selbstgewählten Unnamen demKönige seine Pflicht mit spottender Demut ins Gedächtnis rief; sind schuld - was ist'snun weiter? Ist ein Fastnachtsspiel gleich Hochverrat? Sind uns die kurzen, bunten Lumpen zumißgönnen, die ein jugendlicher Mut, eine angefrischte Phantasie um unsers Lebens armeBlöße hängen mag? Wenn ihr das Leben gar zu ernsthaft nehmt, was ist denn dran?Wenn uns der Morgen nicht zu neuen Freuden weckt, am Abend uns keine Lust zu hoffenübrigbleibt: ist's wohl des An- und Ausziehens wert? Scheint mir die Sonne heut, um das zuüberlegen, was gestern war? und um zu raten, zu verbinden, was nicht zu erraten, nicht zuverbinden ist, das Schicksal eines kommenden Tages? Schenke mir diese Betrachtungen; wir wollen sieSchülern und Höflingen überlassen. Die mögen sinnen und aussinnen, wandeln undschleichen, gelangen, wohin sie können, erschleichen, was sie können. - Kannst du vonallem diesem etwas brauchen, daß deine Epistel kein Buch wird, so ist mir's recht. Dem gutenAlten scheint alles viel zu wichtig. So drückt ein Freund, der lang unsre Hand gehalten, siestärker noch einmal, wenn er sie lassen will.

Sekretär. Verzeiht mir, es wird dem Fußgänger schwindlig, der einen Mann,mit rasselnder Eile daherfahren sieht.

Egmont. Kind! Kind! nicht weiter! Wie von unsichtbaren Geistern gepeitscht, gehen dieSonnenpferde der Zeit mit unsers Schicksals leichtem Wagen durch; und uns bleibt nichts, als, mutiggefaßt, die Zügel festzuhalten und bald rechts bald links, vom Steine hier vom Sturzeda, die Räder wegzulenken. Wohin es geht, wer weiß es? Erinnert er sich doch kaum, woherer kam.

Sekretär. Herr! Herr!

Egmont. Ich stehe hoch und kann und muß noch höher steigen; ich fühle mirHoffnung, Mut und Kraft. Noch hab ich meines Wachstums Gipfel nicht erreicht; und steh ich drobeneinst, so will ich fest, nicht ängstlich stehn. Soll ich fallen, so mag ein Donnerschlag, einSturmwind, ja ein selbst verfehlter Schritt mich abwärts in die Tiefe stürzen; da liegich mit viel Tausenden. Ich habe nie verschmäht, mit meinen guten Kriegsgesellen um kleinenGewinst das blutige Los zu werfen; und sollt' ich knickern, wenn's um den ganzen freien Wert desLebens geht?

Sekretär. O Herr! Ihr wißt nicht, was für Worte Ihr sprecht! Gott erhalt'Euch!

Egmont. Nimm deine Papiere zusammen. Oranien kommt. Fertige aus, was am nötigsten ist,daß die Boten fortkommen, eh die Tore geschlossen werden. Das andere hat Zeit. Den Brief anden Grafen laß bis morgen; versäume nicht, Elviren zu besuchen, und grüße sievon mir. - Horche, wie sich die Regentin befindet; sie soll nicht wohl sein, ob sie's gleichverbirgt. (Sekretär ab.)

(Oranien kommt.)

Egmont. Willkommen, Oranien. Ihr scheint mir nicht ganz frei.

Oranien. Was sagt Ihr zu unsrer Unterhaltung mit der Regentin?

Egmont. Ich fand in ihrer Art, uns aufzunehmen, nichts Außerordentliches. Ich habe sieschon mehr so gesehen. Sie schien mir nicht ganz wohl.

Oranien. Merktet Ihr nicht, daß sie zurückhaltender war? Erst wollte sie unserBetragen bei dem neuen Aufruhr des Pöbels gelassen billigen; nachher merkte sie an, was sichdoch auch für ein falsches Licht darauf werfen lasse; wich dann mit dem Gespräche zuihrem alten gewöhnlichen Diskurs: daß man ihre liebevolle gute Art, ihre Freundschaft zuuns Niederländern, nie genug erkannt, zu leicht behandelt habe, daß nichts einenerwünschten Ausgang nehmen wolle, daß sie am Ende wohl müde werden, der Königsich zu andern Maßregeln entschließen müsse. Habt Ihr das gehört?

Egmont. Nicht alles; ich dachte unterdessen an was anders. Sie ist ein Weib, guter Oranien,und die möchten immer gern, daß sich alles unter ihr sanftes Joch gelassen schmiegte,daß jeder Herkules die Löwenhaut ablegte und ihren Kunkelhof vermehrte; daß, weilsie friedlich gesinnt sind, die Gärung, die ein Volk ergreift, der Sturm, den mächtigeNebenbuhler gegeneinander erregen, sich durch ein freundlich Wort beilegen ließe unddie widrigsten Elemente sich zu ihren Füßen in sanfter Eintracht vereinigten. Das istihr Fall; und da sie es dahin nicht bringen kann, so hat sie keinen Weg, als launisch zu werden,sich über Undankbarkeit, Unweisheit zu beklagen, mit schrecklichen Aussichten in die Zukunftzu drohen, und zu drohen - daß sie fortgehn will.

Oranien. Glaubt Ihr dasmal nicht, daß sie ihre Drohung erfüllt?

Egmont. Nimmermehr! Wie oft habe ich sie schon reisefertig gesehn! Wo will sie denn hin?Hier Statthalterin, Königin; glaubst du, daß sie es unterhalten wird, am Hofe ihresBruders unbedeutende Tage abzuhaspeln? oder nach Italien zu gehen und sich in altenFamilienverhältnissen herumzuschleppen?

Oranien. Man hält sie dieser Entschließung nicht fähig, weil Ihr sie habtzaudern, weil Ihr sie habt zurücktreten sehn; dennoch liegt's wohl in ihr; neue Umständetreiben sie zu dem lang verzögerten Entschluß. Wenn sie ginge? und der Königschickte einen andern?

Egmont. Nun, der würde kommen, und würde eben auch zu tun finden. Mit großenPlanen, Projekten und Gedanken würde er kommen, wie er alles zurechtrücken, unterwerfenund zusammenhalten wolle; und würde heut mit dieser Kleinigkeit, morgen mit einer andern zutun haben, übermorgen jene Hindernis finden, einen Monat mit Entwürfen, einen andern mitVerdruß über fehlgeschlagne Unternehmen, ein halb Jahr in Sorgen über eine einzigeProvinz zubringen. Auch ihm wird die Zeit vergehn, der Kopf schwindeln und die Dinge wie zuvorihren Gang halten, daß er, statt weite Meere nach einer vorgezognen Linie zu durchsegeln,Gott danken mag, wenn er sein Schiff in diesem Sturme vom Felsen hält.

Oranien. Wenn man nun aber dem König zu einem Versuch riete?

Egmont. Der wäre?

Oranien. Zu sehen, was der Rumpf ohne Haupt anfinge.

Egmont. Wie?

Oranien. Egmont, ich trage viele Jahre her alle unsere Verhältnisse am Herzen, ichstehe immer wie über einem Schachspiele und halte keinen Zug des Gegners für unbedeutend;und wie müßige Menschen mit der größten Sorgfalt sich um die Geheimnisse derNatur bekümmern, so halt ich es für Pflicht, für Beruf eines Fürsten, dieGesinnungen, die Ratschläge aller Parteien zu kennen. Ich habe Ursach', einen Ausbruch zubefürchten. Der König hat lange nach gewissen Grundsätzen gehandelt; er sieht,daß er damit nicht auskommt; was ist wahrscheinlicher, als daß er es auf einem andernWege versucht?

Egmont. Ich glaub's nicht. Wenn man alt wird und hat so viel versucht, und es will in derWelt nie zur Ordnung kommen, muß man es endlich wohl genug haben.

Oranien. Eins hat er noch nicht versucht.

Egmont. Nun?

Oranien. Das Volk zu schonen und die Fürsten zu verderben.

Egmont. Wie viele haben das schon lange gefürchtet! Es ist keine Sorge.

Oranien. Sonst war's Sorge; nach und nach ist mir's Vermutung, zuletzt Gewißheitgeworden.

Egmont. Und hat der König treuere Diener als uns?

Oranien. Wir dienen ihm auf unsere Art; und unter einander können wir gestehen,daß wir des Königs Rechte und die unsrigen wohl abzuwägen wissen.

Egmont. Wer tut's nicht? Wir sind ihm untertan und gewärtig in dem, was ihm zukommt.

Oranien. Wenn er sich nun aber mehr zuschriebe und Treulosigkeit nennte, was wirheißen: auf unsre Rechte halten?

Egmont. Wir werden uns verteidigen können. Er rufe die Ritter des Vlieses zusammen, wirwollen uns richten lassen.

Oranien. Und was wäre ein Urteil vor der Untersuchung? eine Strafe vor dem Urteil?

Egmont. Eine Ungerechtigkeit, der sich Philipp nie schuldig machen wird; und eine Torheit,die ich ihm und seinen Räten nicht zutraue.

Oranien. Und wenn sie nun ungerecht und töricht wären?

Egmont. Nein, Oranien, es ist nicht möglich. Wer sollte wagen, Hand an uns zu legen? -Uns gefangenzunehmen, wär' ein verlornes und fruchtloses Unternehmen. Nein, sie wagen nicht,das Panier der Tyrannei so hoch aufzustecken. Der Windhauch, der diese Nachricht übers Landbrächte, würde ein ungeheures Feuer zusammentreiben. Und wohinaus wollten sie? Richtenund verdammen kann nicht der König allein; und wollten sie meuchelmörderisch an unserLeben? - Sie können nicht wollen. Ein schrecklicher Bund würde in einem Augenblick dasVolk vereinigen. Haß und ewige Trennung vom spanischen Namen würde sich gewaltsamerklären.

Oranien. Die Flamme wütete dann über unserm Grabe, und das Blut unsrer Feindeflösse zum leeren Sühnopfer. Laß uns denken, Egmont.

Egmont. Wie sollten sie aber?

Oranien. Alba ist unterwegs.

Egmont. Ich glaub's nicht.

Oranien. Ich weiß es.

Egmont. Die Regentin wollte nichts wissen.

Oranien. Um desto mehr bin ich überzeugt. Die Regentin wird ihm Platz machen. SeinenMordsinn kenn ich, und ein Heer bringt er mit.

Egmont. Aufs neue die Provinzen zu belästigen? Das Volk wird höchst schwierigwerden.

Oranien. Man wird sich der Häupter versichern.

Egmont. Nein! Nein!

Oranien. Laß uns gehen, jeder in seine Provinz. Dort wollen wir uns verstärken;mit offner Gewalt fängt er nicht an.

Egmont. Müssen wir ihn nicht begrüßen, wenn er kommt?

Oranien. Wir zögern.

Egmont. Und wenn er uns im Namen des Königs bei seiner Ankunft fordert?

Oranien. Suchen wir Ausflüchte.

Egmont. Und wenn er dringt?

Oranien. Entschuldigen wir uns.

Egmont. Und wenn er drauf besteht?

Oranien. Kommen wir um so weniger.

Egmont. Und der Krieg ist erklärt, und wir sind die Rebellen. Oranien, laß dichnicht durch Klugheit verführen; ich weiß, daß Furcht dich nicht weichen macht.Bedenke den Schritt.

Oranien. Ich hab ihn bedacht.

Egmont. Bedenke, wenn du dich irrst, woran du schuld bist; an dem verderblichsten Kriege,der je ein Land verwüstet hat. Dein Weigern ist das Signal, das die Provinzen mit einmal zuden Waffen ruft, das jede Grausamkeit rechtfertigt, wozu Spanien von jeher nur gern den Vorwandgehascht hat. Was wir lange mühselig gestillt haben, wirst du mit einem Winke zurschrecklichsten Verwirrung aufhetzen. Denk an die Städte, die Edeln, das Volk, an dieHandlung, den Feldbau, die Gewerbe! und denke die Verwüstung, den Mord! - Ruhig sieht derSoldat wohl im Felde seinen Kameraden neben sich hinfallen; aber den Fluß herunter werden dirdie Leichen der Bürger, der Kinder, der Jungfrauen entgegenschwimmen, daß du mitEntsetzen dastehst und nicht mehr weißt, wessen Sache du verteidigst, da die zugrunde gehen,für deren Freiheit du die Waffen ergriffst. Und wie wird dir's sein, wenn du dir still sagenmußt: »Für meine Sicherheit ergriff ich sie.«

Oranien. Wir sind nicht einzelne Menschen, Egmont. Ziemt es sich, uns für Tausendehinzugeben, so ziemt es sich auch, uns für Tausende zu schonen.

Egmont. Wer sich schont, muß sich selbst verdächtig werden.

Oranien. Wer sich kennt, kann sicher vor- und rückwärts gehen.

Egmont. Das Übel, das du fürchtest, wird gewiß durch deine Tat.

Oranien. Es ist klug und kühn, dem unvermeidlichen Übel entgegenzugehn.

Egmont. Bei so großer Gefahr kommt die leichteste Hoffnung in Anschlag.

Oranien. Wir haben nicht für den leisesten Fußtritt Platz mehr; der Abgrund liegthart vor uns.

Egmont. Ist des Königs Gunst ein so schmaler Grund?

Oranien. So schmal nicht, aber schlüpfrig.

Egmont. Bei Gott! man tut ihm Unrecht. Ich mag nicht leiden, daß man unwürdig vonihm denkt! Er ist Karls Sohn und keiner Niedrigkeit fähig.

Oranien. Die Könige tun nichts Niedriges.

Egmont. Man sollte ihn kennenlernen.

Oranien. Eben diese Kenntnis rät uns, eine gefährliche Probe nicht abzuwarten.

Egmont. Keine Probe ist gefährlich, zu der man Mut hat.

Oranien. Du wirst aufgebracht, Egmont.

Egmont. Ich muß mit meinen Augen sehen.

Oranien. O sähst du diesmal nur mit den meinigen! Freund, weil du sie offen hast,glaubst du, du siehst. Ich gehe! Warte du Albas Ankunft ab, und Gott sei bei dir! Vielleicht rettetdich mein Weigern. Vielleicht daß der Drache nichts zu fangen glaubt, wenn er uns nicht beideauf einmal verschlingt. Vielleicht zögert er, um seinen Anschlag sicherer auszuführen;und vielleicht siehest du indes die Sache in ihrer wahren Gestalt. Aber dann schnell! schnell!Rette! rette dich! - Leb wohl! - Laß deiner Aufmerksamkeit nichts entgehen: wievielMannschaft er mitbringt, wie er die Stadt besetzt, was für Macht die Regentin behält, wiedeine Freunde gefaßt sind. Gib mir Nachricht - - - Egmont -

Egmont. Was willst du?

Oranien (ihn bei der Hand fassend). Laß dich überreden! Geh mit!

Egmont. Wie? Tränen, Oranien?

Oranien. Einen Verlornen zu beweinen, ist auch männlich.

Egmont. Du wähnst mich verloren?

Oranien. Du bist's. Bedenke! Dir bleibt nur eine kurze Frist. Leb wohl! (Ab.)

Egmont (allein). Daß andrer Menschen Gedanken solchen Einfluß auf unshaben! Mir wär' es nie eingekommen; und dieser Mann trägt seine Sorglichkeit in michherüber. - Weg! - Das ist ein fremder Tropfen in meinem Blute. Gute Natur, wirf ihn wiederheraus! Und von meiner Stirne die sinnenden Runzeln wegzubaden, gibt es ja wohl noch ein freundlichMittel.


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