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Gefängnis

Egmont liegt schlafend auf dem Ruhebette. Es entsteht ein Gerassel mit Schlüsseln, und dieTür tut sich auf. Diener mit Fackeln treten herein; ihnen folgt Ferdinand, Albas Sohn, undSilva, begleitet von Gewaffneten. Egmont fährt aus dem Schlaf auf.)

Egmont. Wer seid ihr? die ihr mir unfreundlich den Schlaf von den Augen schüttelt. Waskünden eure trotzigen, unsichern Blicke mir an? Warum diesen fürchterlichen Aufzug?Welchen Schreckenstraum kommt ihr der halb erwachten Seele vorzulügen?

Silva. Uns schickt der Herzog, dir dein Urteil anzukündigen.

Egmont. Bringst du den Henker auch mit, es zu vollziehen?

Silva. Vernimm es, so wirst du wissen, was deiner wartet.

Egmont. So ziemt es euch und euerm schändlichen Beginnen! In Nacht gebrütet und inNacht vollführt. So mag diese freche Tat der Ungerechtigkeit sich verbergen! - Tritt kühnhervor, der du das Schwert verhüllt unter dem Mantel trägst; hier ist mein Haupt, dasfreieste, das je die Tyrannei vom Rumpf gerissen.

Silva. Du irrst! Was gerechte Richter beschließen, werden sie vorm Angesicht des Tagesnicht verbergen.

Egmont. So übersteigt die Frechheit jeden Begriff und Gedanken.

Silva (nimmt einem Dabeistehenden das Urteil ab, entfaltet's und liest's). »ImNamen des Königs, und kraft besonderer von Seiner Majestät uns übertragenen Gewalt,alle seine Untertanen, wes Standes sie seien, zugleich die Ritter des Goldnen Vlieses zu richten,erkennen wir« -

Egmont. Kann die der König übertragen?

Silva. »Erkennen wir, nach vorgängiger genauer, gesetzlicher Untersuchung, dichHeinrich Grafen Egmont, Prinzen von Gaure, des Hochverrats schuldig und sprechen das Urteil:daß du mit der Frühe des einbrechenden Morgens aus dem Kerker auf den Markt geführtund dort, vorm Angesicht des Volks, zur Warnung aller Verräter mit dem Schwerte vom Leben zumTode gebracht werden sollest. Gegeben Brüssel im« (Datum und Jahrzahl werdenundeutlich gelesen, so, daß sie der Zuhörer nicht versteht.)

»Ferdinand, Herzog von Alba,      
Vorsitzer des Gerichts der Zwölfe.«

Du weißt nun dein Schicksal; es bleibt dir wenige Zeit, dich drein zu ergeben, dein Haus zubestellen und von den Deinigen Abschied zu nehmen.

(Silva mit dem Gefolge geht ab. Es bleibt Ferdinand und zwei Fackeln; das Theater istmäßig erleuchtet.)

Egmont (hat eine Weile in sich versenkt stille gestanden und Silva, ohne sich umzusehn,abgehen lassen. Er glaubt sich allein, und da er die Augen aufhebt, erblickt er Albas Sohn). Dustehst und bleibst? Willst du mein Erstaunen, mein Entsetzen noch durch deine Gegenwart vermehren?Willst du noch etwa die willkommne Botschaft deinem Vater bringen, daß ich unmännlichverzweifle? Geh! Sag ihm! Sag ihm, daß er weder mich noch die Welt belügt. Ihm, demRuhmsüchtigen, wird man es erst hinter den Schultern leise lispeln, dann laut und lautersagen, und wenn er einst von diesem Gipfel herabsteigt, werden tausend Stimmen es ihmentgegenrufen! Nicht das Wohl des Staats, nicht die Würde des Königs, nicht die Ruhe derProvinzen haben ihn hierher gebracht. Um sein selbst willen hat er Krieg geraten, daß derKrieger im Kriege gelte. Er hat diese ungeheure Verwirrung erregt, damit man seiner bedürfe.Und ich falle, ein Opfer seines niedrigen Hasses, seines kleinlichen Neides. Ja, ich weiß es,und ich darf es sagen; der Sterbende, der tödlich Verwundete kann es sagen: mich hat derEingebildete beneidet; mich wegzutilgen hat er lange gesonnen und gedacht.

Schon damals, als wir noch jünger mit Würfeln spielten und die Haufen Goldes, einer nachdem andern, von seiner Seite zu mir herübereilten, da stand er grimmig, log Gelassenheit, undinnerlich verzehrte ihn die Ärgernis, mehr über mein Glück als über seinenVerlust. Noch erinnere ich mich des funkelnden Blicks, der verräterischen Blässe, als wiran einem öffentlichen Feste vor vielen tausend Menschen um die Wette schossen. Er fordertemich auf, und beide Nationen standen; die Spanier, die Niederländer wetteten undwünschten. Ich überwand ihn; seine Kugel irrte, die meine traf; ein lauter Freudenschreider Meinigen durchbrach die Luft. Nun trifft mich sein Geschoß. Sag ihm, daß ich'sweiß, daß ich ihn kenne, daß die Welt jede Siegszeichen verachtet, die einkleiner Geist erschleichend sich aufrichtet. Und du! wenn einem Sohne möglich ist, von derSitte des Vaters zu weichen, übe beizeiten die Scham, indem du dich für den schämst,den du gerne von ganzem Herzen verehren möchtest.

Ferdinand. Ich höre dich an, ohne dich zu unterbrechen! Deine Vorwürfe lasten wieKeulschläge auf einem Helm; ich fühle die Erschütterung, aber ich bin bewaffnet. Dutriffst mich, du verwundest mich nicht; fühlbar ist mir allein der Schmerz, der mir den Busenzerreißt. Wehe mir! Wehe! Zu einem solchen Anblick bin ich aufgewachsen, zu einem solchenSchauspiele bin ich gesendet!

Egmont. Du brichst in Klagen aus? Was rührt, was bekümmert dich? Ist es einespäte Reue, daß du der schändlichen Verschwörung deinen Dienst geliehen? Dubist so jung und hast ein glückliches Ansehn. Du warst so zutraulich, so freundlich gegenmich. Solang ich dich sah, war ich mit deinem Vater versöhnt. Und ebenso verstellt,verstellter als er, lockst du mich in das Netz. Du bist der Abscheuliche! Wer ihm traut, mager es auf seine Gefahr tun; aber wer fürchtete Gefahr, dir zu vertrauen? Geh! Geh! Raube mirnicht die wenigen Augenblicke! Geh, daß ich mich sammle, die Welt und dich zuerstvergesse! -

Ferdinand. Was soll ich dir sagen? Ich stehe und sehe dich an, und sehe dich nicht, undfühle mich nicht. Soll ich mich entschuldigen? Soll ich dir versichern, daß ich erstspät, erst ganz zuletzt des Vaters Absichten erfuhr, daß ich als ein gezwungenes, einlebloses Werkzeug seines Willens handelte? Was fruchtet's, welche Meinung du von mir haben magst?Du bist verloren; und ich Unglücklicher stehe nur da, um dir's zu versichern, um dich zubejammern.

Egmont. Welche sonderbare Stimme, welch ein unerwarteter Trost begegnet mir auf dem Wege zumGrabe? Du, Sohn meines ersten, meines fast einzigen Feindes, du bedauerst mich, du bist nicht untermeinen Mördern? Sage, rede! Für wen soll ich dich halten?

Ferdinand. Grausamer Vater! Ja ich erkenne dich in diesem Befehle. Du kanntest mein Herz,meine Gesinnung, die du so oft als Erbteil einer zärtlichen Mutter schaltest. Mich dir gleichzu bilden, sandtest du mich hierher. Diesen Mann am Rande des gähnenden Grabes, in der Gewalteines willkürlichen Todes zu sehen, zwingst du mich, daß ich den tiefsten Schmerzempfinde, daß ich taub gegen alles Schicksal, daß ich unempfindlich werde, es geschehemir, was wolle.

Egmont. Ich erstaune! Fasse dich! Stehe, rede wie ein Mann.

Ferdinand. O daß ich ein Weib wäre! daß man mir sagen könnte: wasrührt dich? was ficht dich an? Sage mir ein größeres, ein ungeheureres Übel,mache mich zum Zeugen einer schrecklichern Tat; ich will dir danken, ich will sagen: es war nichts.

Egmont. Du verlierst dich. Wo bist du?

Ferdinand. Laß diese Leidenschaft rasen, laß mich losgebunden klagen! Ich willnicht standhaft scheinen, wenn alles in mir zusammenbricht. Dich soll ich hier sehn? - Dich? - Esist entsetzlich! Du verstehst mich nicht! Und sollst du mich verstehen? Egmont! Egmont! (Ihm umden Hals fallend.)

Egmont. Löse mir das Geheimnis.

Ferdinand. Kein Geheimnis.

Egmont. Wie bewegt dich so tief das Schicksal eines fremden Mannes?

Ferdinand. Nicht fremd! Du bist mir nicht fremd. Dein Name war's, der mir in meiner erstenJugend gleich einem Stern des Himmels entgegenleuchtete. Wie oft hab ich nach dir gehorcht,gefragt! Des Kindes Hoffnung ist der Jüngling, des Jünglings der Mann. So bist du vor mirher geschritten; immer vor, und ohne Neid sah ich dich vor, und schritt dir nach, und fort undfort. Nun hofft' ich endlich dich zu sehen, und sah dich, und mein Herz flog dir entgegen. Dichhatt' ich mir bestimmt, und wählte dich aufs neue, da ich dich sah. Nun hofft' ich erst, mitdir zu sein, mit dir zu leben, dich zu fassen, dich - Das ist nun alles weggeschnitten, und ichsehe dich hier!

Egmont. Mein Freund, wenn es dir wohltun kann, so nimm die Versicherung, daß im erstenAugenblick mein Gemüt dir entgegenkam. Und höre mich. Laß uns ein ruhiges Wortuntereinander wechseln. Sage mir: ist es der strenge, ernste Wille deines Vaters, mich zutöten?

Ferdinand. Er ist's.

Egmont. Dieses Urteil wäre nicht ein leeres Schreckbild mich zu ängstigen, durchFurcht und Drohung zu strafen: mich zu erniedrigen und dann mit königlicher Gnade mich wiederaufzuheben?

Ferdinand. Nein, ach leider nein! Anfangs schmeichelte ich mir selbst mit dieserausweichenden Hoffnung; und schon da empfand ich Angst und Schmerz, dich in diesem Zustande zusehen. Nun ist es wirklich, ist gewiß. Nein, ich regiere mich nicht. Wer gibt mir eineHülfe, wer einen Rat, dem Unvermeidlichen zu entgehen?

Egmont. So höre mich. Wenn deine Seele so gewaltsam dringt, mich zu retten, wenn du dieÜbermacht verabscheust, die mich gefesselt hält, so rette mich! Die Augenblicke sindkostbar. Du bist des Allgewaltigen Sohn und selbst gewaltig - Laß uns entfliehen! Ich kennedie Wege; die Mittel können dir nicht unbekannt sein. Nur diese Mauern, nur wenige Meilenentfernen mich von meinen Freunden. Löse diese Bande, bringe mich zu ihnen und sei unser.Gewiß, der König dankt dir dereinst meine Rettung. Jetzt ist er überrascht, undvielleicht ist ihm alles unbekannt. Dein Vater wagt; und die Majestät muß das Geschehenebilligen, wenn sie sich auch davor entsetzet. Du denkst? O  denke mir den Weg der Freiheitaus! Sprich, und nähre die Hoffnung der lebendigen Seele.

Ferdinand. Schweig! o schweige! Du vermehrst mit jedem Worte meine Verzweiflung. Hier istkein Ausweg, kein Rat, keine Flucht. - Das quält mich, das greift und faßt mir wie mitKlauen die Brust. Ich habe selbst das Netz zusammengezogen; ich kenne die strengen festen Knoten;ich weiß, wie jeder Kühnheit, jeder List die Wege verrennt sind; ich fühle mich mitdir und mit allen andern gefesselt. Würde ich klagen, hätte ich nicht alles versucht? Zuseinen Füßen habe ich gelegen, geredet und gebeten. Er schickte mich hierher, um alles,was von Lebenslust und Freude mit mir lebt, in diesem Augenblicke zu zerstören.

Egmont. Und keine Rettung?

Ferdinand. Keine!

Egmont (mit dem Fuße stampfend). Keine Rettung! - - SüßesLeben! schöne freundliche Gewohnheit des Daseins und Wirkens! von dir soll ich scheiden! Sogelassen scheiden! Nicht im Tumulte der Schlacht, unter dem Geräusch der Waffen, in derZerstreuung des Getümmels gibst du mir ein flüchtiges Lebewohl; du nimmst keinen eiligenAbschied, verkürzest nicht den Augenblick der Trennung. Ich soll deine Hand fassen, dir nocheinmal in die Augen sehn, deine Schöne, deinen Wert recht lebhaft fühlen und dann michentschlossen losreißen und sagen: Fahre hin!

Ferdinand Und ich soll daneben stehn, zusehn, dich nicht halten, nicht hindern können!O welche Stimme reichte zur Klage! Welches Herz flösse nicht aus seinen Banden vor diesemJammer?

Egmont. Fasse dich!

Ferdinand. Du kannst dich fassen, du kannst entsagen, den schweren Schritt an der Hand derNotwendigkeit heldenmäßig gehn. Was kann ich? Was soll ich? Du überwindest dichselbst und uns; du überstehst; ich überlebe dich und mich selbst. Bei der Freude desMahls hab ich mein Licht, im Getümmel der Schlacht meine Fahne verloren. Schal, verworren,trüb scheint mir die Zukunft.

Egmont. Junger Freund, den ich durch ein sonderbares Schicksal zugleich gewinne undverliere, der für mich die Todesschmerzen empfindet, für mich leidet, sieh mich in diesenAugenblicken an; du verlierst mich nicht. War dir mein Leben ein Spiegel, in welchem du dich gernebetrachtetest: so sei es auch mein Tod. Die Menschen sind nicht nur zusammen, wenn sie beisammensind; auch der Entfernte, der Abgeschiedene lebt uns. Ich lebe dir, und habe mir genug gelebt.Eines jeden Tages hab ich mich gefreut; an jedem Tage mit rascher Wirkung meine Pflicht getan, wiemein Gewissen mir sie zeigte. Nun endigt sich das Leben, wie es sich früher, früher,schon auf dem Sande von Gravelingen hätte endigen können. Ich höre auf zu leben;aber ich habe gelebt. So leb auch du, mein Freund, gern und mit Lust, und scheue den Tod nicht.

Ferdinand. Du hättest dich für uns erhalten können, erhalten sollen. Du hastdich selber getötet. Oft hört' ich, wenn kluge Männer über dich sprachen,feindselige, wohlwollende, sie stritten lang über deinen Wert; doch endlich vereinigten siesich, keiner wagt' es zu leugnen, jeder gestand: ja, er wandelt einen gefährlichen Weg. Wieoft wünscht' ich, dich warnen zu können! Hattest du denn keine Freunde?

Egmont. Ich war gewarnt.

Ferdinand. Und wie ich punktweise alle diese Beschuldigungen wieder in der Anklage fand, unddeine Antworten! Gut genug, dich zu entschuldigen; nicht triftig genug, dich von der Schuld zubefreien -

Egmont. Dies sei beiseite gelegt. Es glaubt der Mensch sein Leben zu leiten, sich selbst zuführen; und sein Innerstes wird unwiderstehlich nach seinem Schicksale gezogen. Laß unsdarüber nicht sinnen; dieser Gedanken entschlag ich mich leicht - schwerer der Sorge fürdieses Land! doch auch dafür wird gesorgt sein. Kann mein Blut für viele fließen,meinem Volke Friede bringen, so fließt es willig. Leider wird's nicht so werden. Doch esziemt dem Menschen, nicht mehr zu grübeln, wo er nicht mehr wirken soll. Kannst du dieverderbende Gewalt deines Vaters aufhalten, lenken, so tu's. Wer wird das können? - Leb wohl!

Ferdinand. Ich kann nicht gehn.

Egmont. Laß meine Leute dir aufs beste empfohlen sein! Ich habe gute Menschen zuDienern; daß sie nicht zerstreut, nicht unglücklich werden! Wie steht es um Richard,meinen Schreiber?

Ferdinand. Er ist dir vorangegangen. Sie haben ihn als Mitschuldigen des Hochverratsenthauptet.

Egmont. Arme Seele! - Noch eins, und dann leb wohl, ich kann nicht mehr. Was auch den Geistgewaltsam beschäftigt, fordert die Natur zuletzt doch unwiderstehlich ihre Rechte; und wie einKind, umwunden von der Schlange, des erquickenden Schlafs genießt, so legt der Müde sichnoch einmal vor der Pforte des Todes nieder und ruht tief aus, als ob er einen weiten Weg zuwandern hätte. - Noch eins - Ich kenne ein Mädchen; du wirst sie nicht verachten, weilsie mein war. Nun ich sie dir empfehle, sterb ich ruhig. Du bist ein edler Mann; ein Weib, das denfindet, ist geborgen. Lebt mein alter Adolf? ist er frei?

Ferdinand. Der muntre Greis, der Euch zu Pferde immer begleitete?

Egmont. Derselbe.

Ferdinand. Er lebt, er ist frei.

Egmont. Er weiß ihre Wohnung; laß dich von ihm führen und lohn ihm bis ansein Ende, daß er dir den Weg zu diesem Kleinode zeigt. - Leb wohl!

Ferdinand. Ich gehe nicht.

Egmont (ihn nach der Tür drängend). Leb wohl!

Ferdinand. O laß mich noch!

Egmont. Freund, keinen Abschied.

(Er begleitet Ferdinanden bis an die Tür und reißt sich dort von ihm los. Ferdinand,betäubt, entfernt sich eilend.)

Egmont (allein). Feindseliger Mann! Du glaubtest nicht, mir diese Wohltat durchdeinen Sohn zu erzeigen. Durch ihn bin ich der Sorgen los und der Schmerzen, der Furcht und jedesängstlichen Gefühls. Sanft und dringend fordert die Natur ihren letzten Zoll. Es istvorbei, es ist beschlossen! und was die letzte Nacht mich ungewiß auf meinem Lager wachendhielt, das schläfert nun mit unbezwinglicher Gewißheit meine Sinnen ein.

(Er setzt sich aufs Ruhebett. Musik.)

Süßer Schlaf! Du kommst wie ein reines Glück ungebeten, unerfleht am willigsten. Dulösest die Knoten der strengen Gedanken, vermischest alle Bilder der Freude und des Schmerzes;ungehindert fließt der Kreis innerer Harmonien, und eingehüllt in gefälligenWahnsinn, versinken wir und hören auf zu sein.

(Er entschläft; die Musik begleitet seinen Schlummer. Hinter seinem Lager scheint sich dieMauer zu eröffnen, eine glänzende Erscheinung zeigt sich. Die Freiheit in himmlischemGewande, von einer Klarheit umflossen, ruht auf einer Wolke. Sie hat die Züge vonKlärchen und neigt sich gegen den schlafenden Helden. Sie drückt eine bedauerndeEmpfindung aus, sie scheint ihn zu beklagen. Bald faßt sie sich, und mit aufmunternderGebärde zeigt sie ihm das Bündel Pfeile, dann den Stab mit dem Hute. Sie heißt ihnfroh sein, und indem sie ihm andeutet, daß sein Tod den Provinzen die Freiheit verschaffenwerde, erkennt sie ihn als Sieger und reicht ihm einen Lorbeerkranz, Wie sie sich mit dem Kranzedem Haupte nahet, macht Egmont eine Bewegung, wie einer, der sich im Schlafe regt, dergestalt,daß er mit dem Gesicht aufwärts gegen sie liegt. Sie hält den Kranz überseinem Haupte schwebend: man hört ganz von weitem eine kriegerische Musik von Trommeln undPfeifen: bei dem leisesten Laut derselben verschwindet die Erscheinung. Der Schall wirdstärker. Egmont erwacht; das Gefängnis wird vom Morgen mäßig erhellt. Seineerste Bewegung ist, nach dem Haupte zu greifen: er steht auf und sieht sich um, indem er die Handauf dem Haupte behält.)

Verschwunden ist der Kranz! Du schönes Bild, das Licht des Tages hat dich verscheuchet! Ja siewaren's, sie waren vereint, die beiden süßesten Freuden meines Herzens. Diegöttliche Freiheit, von meiner Geliebten borgte sie die Gestalt; das reizende Mädchenkleidete sich in der Freundin himmlisches Gewand. In einem ernsten Augenblick erscheinen sievereinigt, ernster als lieblich. Mit blutbefleckten Sohlen trat sie vor mir auf, die wehendenFalten des Saumes mit Blut befleckt. Es war mein Blut und vieler Edeln Blut. Nein, es ward nichtumsonst vergossen. Schreitet durch! Braves Volk! Die Siegesgöttin führt dich an! Und wiedas Meer durch eure Dämme bricht, so brecht, so reißt den Wall der Tyrannei zusammen undschwemmt ersäufend sie von ihrem Grunde, den sie sich anmaßt, weg!

(Trommeln näher.)

Horch! Horch! Wie oft rief mich dieser Schall zum freien Schritt nach dem Felde des Streits und desSiegs! Wie munter traten die Gefährten auf der gefährlichen, rühmlichen Bahn! Auchich schreite einem ehrenvollen Tode aus diesem Kerker entgegen; ich sterbe für die Freiheit,für die ich lebte und focht und der ich mich jetzt leidend opfre.

(Der Hintergrund wird mit einer Reihe spanischer Soldaten besetzt, welche Hellebarden tragen.)

Ja, führt sie nur zusammen! Schließt eure Reihen, ihr schreckt mich nicht. Ich bingewohnt, vor Speeren gegen Speere zu stehn und, rings umgeben von dem drohenden Tod, das mutigeLeben nur doppelt rasch zu fühlen.

(Trommeln.)

Dich schließt der Feind von allen Seiten ein! Es blinken Schwerter; Freunde, höhern Mut!Im Rücken habt ihr Eltern, Weiber, Kinder!

(Auf die Wache zeigend.)

Und diese treibt ein hohles Wort des Herrschers, nicht ihr Gemüt. Schützt eureGüter! Und euer Liebstes zu erretten, fallt freudig, wie ich euch ein Beispiel gebe.

(Trommeln. Wie er auf die Wache los- und auf die Hintertür zugeht, fällt der Vorhang:die Musik fällt ein und schließt mit einer Siegessymphonie das Stück.)


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